Hauenschild Solutions ® Blog
Wussten Sie
Betroffene und Interessierte können hier sich hier über typische Konfliktmuster und -dynamiken informieren. Vielleicht sind Sie mit manchen dieser Klassikern auch schon im eigenen Leben
in Berührung gekommen?
Wovor Mediatoren warnen...
Das größte Missverständnis
ihr fester Platz in der Mediation
Schweigen & Opferrolle

Symptome
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Vermeidung von 1:1 ab Entstehung des Konflikts (A vs. B)
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Hinzuziehung Dritter (C) vor echter bilateraler Auseinandersetzung (A vs. B)
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Vorbereitung von Schein-Zugeständnissen XY, die entweder für (A) "billig" sind oder für (B) von bisher zuverlässigen Konstanten erstmals überhaupt Teil der unsicheren Verhandlungsmasse werden.
Typische Floskeln
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"Du willst doch nur Recht haben" (wenn Gegenseite nicht mindestens 50 % Schuldeingeständnis als Vorschuss gibt)
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"Ich (A) biete XY, um mich mit dir (B) in der Mitte zu treffen."
Heilung
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Nachhaltigsten Ergebnisse werden dort erzielt, wo eigene Schuld erkannt, Verantwortung übernommen, und asymmetrische Zugeständnisse gemacht werden. Das kann heißen 50:50, 60:40 oder 100:0
I) 50/50-Falle
Ein guter Mediator warnt vor ihr!
Manche Konfliktparteien nehmen an, die Leistung des Mediators bestehe darin, der anderen Partei mindestens 50 % Schuld nachzuweisen. Und in jedem Fall darin, sicherzustellen, dass die gegnerische Schuld auf keinen geringeren Anteil als die Hälfte herabgesenkt werden kann. Diese Erwartungshaltung wird direkt oder indirekt kommuniziert, dem Mediator oder der Gegenseite.
Entsprechend ist dieses Phänomen der häufigste Grund, warum von einer Seite GAR KEIN Einstieg in die Mediation gewählt wird. Selbst wenn das Verfahren begonnen wird, ist es wesentlich weniger erfolgsversprechend, wenn die Parteien nicht auf der Suche nach einer von ihnen gefühlten Wahrheit oder einem beidseitig tragbaren Kompromiss sind sondern einer Symmetrie folgen oder Ergebnisse nur das Verhältnis im taktischen Geschick oder Energieeinsatz widerspiegelt.
II) Streit vs. Konflikt
Warum wir oft das Falsche bekämpfen
1. Die Verwechslung
Streit und Konflikt werden oft gleichgesetzt. Doch ein Konflikt ist die zugrunde liegende Spannung zwischen Interessen, Bedürfnissen, Werten, Rollen oder Machtverhältnissen. Streit ist nur eine mögliche Erscheinungsform davon — häufig die erste sichtbare.
Georg Simmel beschreibt Streit in Soziologie nicht bloß als Störung, sondern als soziale Form, in der Beziehung und Gegensätze überhaupt wirksam werden.
2. Streit ist selten die Ursache
Der Streit erzeugt den Konflikt meist nicht. Er macht sichtbar, was vorher bereits wirksam war. Darum ist er unangenehm: Er stört nicht den Frieden, sondern die Illusion, es habe Frieden gegeben.
Bei Heraklit ist Widerstreit keine Panne, sondern Grundstruktur: Spannung gehört zur Ordnung der Welt.
3. Streit als Bearbeitungsform
Offener Streit kann ein wichtiger Lösungsbestandteil sein. Er zwingt Positionen, Verletzungen, Grenzen und Ansprüche in die Sprache. Wer ihn zu früh beendet, beendet oft nicht den Konflikt, sondern dessen Bearbeitung.
Hegel denkt Widerspruch und Kampf um Anerkennung als Motor von Entwicklung: Veränderung entsteht nicht aus bloßer Harmonie, sondern aus ausgetragenem Gegensatz.
4. Streit als soziale und kulturelle Produktivkraft
Streit kann Grenzen klären, Rollen verändern und Verhältnisse neu ordnen. Er ist nicht automatisch destruktiv, sondern oft die Form, in der ein Konflikt bearbeitbar wird.
Nietzsche versteht den Agon, den kämpferischen Wettstreit, als kulturell produktive Kraft. Coser knüpft an Simmel an und beschreibt in The Functions of Social Conflict, welche stabilisierenden und erneuernden Funktionen Konflikt haben kann.
5. Politische Dimension
Gesellschaften, Organisationen und Demokratien brauchen nicht nur Konsens, sondern austragbare Gegensätze. Wer Streit unterdrückt, schützt oft den Status quo und macht Konflikte unsichtbar.
Machiavelli verteidigt in den Discorsi die römischen Tumulte als Quelle republikanischer Freiheit. Chantal Mouffe kritisiert moderne Konsensphantasien und fordert eine agonistische Demokratie: Konflikt soll nicht verschwinden, sondern politisch austragbar bleiben.
6. Schlussfolgerung
Nicht Streitlosigkeit ist das Ziel, sondern Konfliktfähigkeit. Eine reife Kultur bekämpft nicht vorschnell den Streit, sondern fragt: Welcher Konflikt zeigt sich darin — und was verlangt er von uns?
Die philosophische Linie von Heraklit über Hegel, Simmel und Nietzsche bis Mouffe zeigt: Widerstreit ist nicht bloß Störung. Er ist oft die Bedingung dafür, dass Wirklichkeit, Beziehung und Politik überhaupt veränderbar werden.

1
Symptome:
begriffliche Unschärfe, Harmoniezwang, Angst vor Spannung
Floskeln:
Wir wollen hier keinen Streit.“ / „Können wir nicht sachlich bleiben?“
2
Symptome:
Scheinfrieden, Schweigen, Rückzug, verdeckte Kränkung
Floskeln:
„Vorher war doch alles gut.“ / „Warum musstest du das jetzt ansprechen?"
3
Symptome:
Abbruch statt Klärung, Vertagung, Beruhigungsrituale
Floskeln:
„Das führt doch zu nichts.“ / „Jetzt beruhigen sich erstmal alle.“
4
Symptome:
Angst vor Reibung, Konfliktpathologisierung, Anpassungsdruck
Floskeln:
„Streit ist immer ein schlechtes Zeichen.“ / „So kommen wir nie zur Ruhe.“
5
Symptome:
Konsensfetisch, Entpolitisierung, Machtstabilisierung, Kritikabwehr
Floskeln:
„Wir brauchen mehr Zusammenhalt.“ / „Kritik spaltet nur.“
6
Symptome:
Vermeidungskultur, Harmoniefassade, passive Aggression, ungelöste Grundspannung
Floskeln:
„Schwamm drüber.“ / „Hauptsache, es ist wieder Ruhe.“

1.
Symptome:
Grenzverwischung, vorschneller Kompromissdruck, Abwertung formaler Ansprüche
Floskeln:
„Muss man denn gleich mit Recht kommen?“ / „Wir sind doch hier nicht vor Gericht.“
2.
Symptome:
Pathologisierung von Empörung, Beschämung klarer Ansprüche, Neutralitätsmissverständnis
Floskeln:
„Es geht Ihnen nur ums Gewinnen.“ / „Sie müssen auch loslassen können.“
3.
Symptome:
Täter-Opfer-Umkehr, Symmetriezwang, Verantwortungsverdünnung
Floskeln:
„Zu einem Konflikt gehören immer zwei.“ / „Jeder hat seinen Anteil.“
4.
Symptome:
Scheinfrieden, asymmetrische Einigung, Druck zur schnellen Lösung
Floskeln:
„Hauptsache, wir haben eine Lösung.“ / „Am Ende müssen sich alle bewegen.“
5.
Symptome:
Methodenroutine, Interessenverkürzung, Konfliktbefriedung ohne Klärung
Floskeln:
„Lassen wir die Schuldfrage weg.“ / „Wir schauen nur nach vorne.“
6.
Symptome:
falsche Neutralität, Harmoniedruck, Vertrauensverlust, Wiederholung des Unrechts
Floskeln:
„Wir wollen hier keine Schuldigen suchen.“ / „Das Thema sollte jetzt erledigt sein.“
III) Recht & Schuld
Überall ok, in der Mediation erst recht!
1. Recht ist nicht der Feind der Mediation
Mediation lebt von Verständigung, aber sie darf Recht nicht als bloße Eskalationssprache behandeln. Schon Aristoteles unterscheidet in der Nikomachischen Ethik zwischen ausgleichender und verteilender Gerechtigkeit: Wo etwas verletzt, genommen oder verschoben wurde, braucht es Maß, Ausgleich und Anerkennung.
2. Recht haben ist nicht gleich Rechthaberei
In der Mediation wird das Beharren auf Recht schnell als Starrheit gelesen. Doch bei Hegel ist Anerkennung zentral: Wer „Recht haben“ will, verlangt oft nicht bloß Sieg, sondern die Anerkennung einer Verletzung. Für Mediator heißt das: Hinter der Position kann ein berechtigtes Bedürfnis nach Würde, Grenze und Wahrheit stehen.
3. Schuld darf nicht pauschal in gleiche Anteile zerlegt werden
Die Mediation arbeitet gern mit Perspektiven und Beiträgen. Das ist wertvoll, aber nicht jeder Konflikt ist symmetrisch. Emmanuel Levinas stellt Verantwortung vor Ausgleich: Der Andere ist nicht nur Verhandlungspartner, sondern Anspruch an mich. Wo Grenzverletzung, Machtmissbrauch oder Unrecht vorliegen, darf Verantwortung nicht wegmoderiert werden.
4. Verständigung braucht Gerechtigkeitsfähigkeit
John Rawls zeigt mit A Theory of Justice, dass faire Verfahren nur dann tragen, wenn sie nicht bloß Ruhe herstellen, sondern als gerecht gelten können. Für Mediation bedeutet das: Einigung ist nicht automatisch gut. Eine Vereinbarung kann befrieden und trotzdem unfair sein, besonders bei Machtungleichgewicht.
5. Mediation als Raum verantworteter Klärung
Die Vorreiter der modernen Mediation, etwa Fisher, Ury und Patton in Getting to Yes, trennen Positionen von Interessen. Das bleibt zentral. Aber Interessenklärung ersetzt nicht jede Rechts- oder Schuldfrage. Gute Mediation hält beides aus: subjektive Bedürfnisse und objektivierbare Verantwortung.
6. Schlussfolgerung
Mediation ist am stärksten, wenn sie Recht, Schuld und Verantwortung nicht als Störung behandelt, sondern als mögliche Bestandteile der Klärung. Nicht jedes „Ich will Recht“ ist unreif. Nicht jede Schuldfrage blockiert Lösung. Manchmal beginnt Verständigung erst mit dem Satz: Das war falsch — und es muss anerkannt werden.
IV) Passive Gewalt
Warum Schweigen (nicht) zur Opferrolle passt
1. Opfer sind leise, oder?
Schweigen kann Schutz, Überforderung oder Deeskalation sein. Es kann aber ebenso Strategie, Machtausübung oder Verweigerung von Klärung sein. Für Mediation heißt das: Nicht der leisere Konfliktpartner ist automatisch der verletzlichere — und nicht der aktivere automatisch der Täter. Watzlawicks Grundsatz „Man kann nicht nicht kommunizieren“ ist hier zentral: Auch Schweigen kommuniziert.
2. Passive Gewalt ist nicht milder, nur weniger sichtbar
Wer Missstände taktisch nicht behebt, Gespräche verweigert, ghostet oder Klärung ins Leere laufen lässt, übt ebenfalls Einfluss aus. Johan Galtung hilft hier mit dem Begriff struktureller Gewalt: Gewalt liegt nicht nur im direkten Angriff, sondern auch in Bedingungen, die Handlungsspielräume systematisch blockieren.
3. Fallenstellen und Aus-der-Reserve-Locken
Besonders gefährlich wird es, wenn der passive Konfliktpartner die Bühne so vorbereitet, dass der aktive Teil zwangsläufig impulsiv, laut oder verzweifelt wirkt. Batesons Double-Bind-Theorie beschreibt solche ausweglosen Kommunikationslagen: Jede Reaktion kann gegen die reagierende Person verwendet werden.
4. Öffentliche Diskreditierung des aktiv Klärenden
Wer den Konflikt bearbeitet, wird oft sichtbarer — und damit angreifbarer. Erving Goffman zeigt mit Stigma und Impression Management, wie öffentliche Rollenbilder hergestellt werden. In Konflikten kann daraus eine soziale Falle werden: Derjenige, der arbeitet, benennt und drängt, erscheint als Störer; derjenige, der blockiert, als besonnen.
5. Schlussfolgerung
Gute Mediation darf nicht nur Lautstärke, Aktivität und Emotion bewerten. Sie muss auch Unterlassen, Verzögern, Ghosting, Schweigen und Bühnenbau analysieren. Sonst belohnt sie passive Gewalt und pathologisiert denjenigen, der den Konflikt sichtbar macht. Entscheidend ist nicht: Wer wirkt ruhiger? Sondern: Wer trägt wie zur Klärung — oder zur Verhinderung von Klärung — bei?
